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Großstadtphänomen Einsamkeit: Immer mehr alte Menschen in Köln leben vereinsamt. Allein 2009 musste die Stadt Köln hunderte von Bestattungen organisieren, weil sich keine Angehörigen ermitteln ließen. Auch Hermann Schmitz lebt völlig zurückgezogen. Eine Reportage.
Köln - Seit einem halben Jahrhundert lebt Hermann Schmitz (83 / Name geändert) alleine. Er schläft alleine ein und wacht alleine auf. Er isst alleine und trinkt alleine. Zu seinen beiden Kindern hat er keinen Kontakt. Obwohl sie wie er in Köln leben. Seine Frau sei schon 1952 an Krebs gestorben, sagt er. Hermann Schmitz ist Einzelgänger. „Es gibt schon Tage, wo ich mich frage: Was ist los mit dir? Dann gehe ich eine Runde um den Block und denke nach“, sagt er. Ob er sich einsam fühle? „Nein“, behauptet Schmitz, „einsam bin ich nicht.“
Hermann Schmitz wirkt manchmal wie der alte Mann vor der Wirtschaftstür, den die Bläck Fööss besingen. Schmitz ist stolzer Kölner. „Woanders leben kam nie in Frage“, bekennt er. Die kölsche Mundart beherrscht er wie seine Muttersprache. Nur das Geld ist oft knapp. Es reicht nicht für Reisen, die Abwechslung in sein Leben bringen könnten. „Ich würde schon mal öfter etwas unternehmen, aber das geht nicht“, sagt er. Deshalb sitzt er oft auf seinem Sofa im Wohnzimmer. Neben ihm stapeln sich Sachbücher über Modelleisenbahnen und Fallschirm-Jäger. Auf dem hölzernen Couchtisch liegen fünf Feuerzeuge, daneben eine Schachtel Camel und ein Plastikschälchen mit Fertigsalat. Eine Elektroheizung sorgt für Wärme.
Immer mehr Kölner leben allein, vor allem Männer. Seit Jahren steigt die Zahl der Single-Haushalte, insbesondere in der Innenstadt, in Lindenthal und Ehrenfeld. In etwas mehr als der Hälfte aller Wohnungen in der Stadt lebt inzwischen nur noch eine Person. Fast 60 Prozent der Singles sind älter als 44 Jahre. Bei den Menschen, die 80 Jahre und älter sind, ist die Zahl der Alleinlebenden ähnlich hoch. „Das ist ein gesellschaftliches Problem, weil Isolation - wenn diese mit Gefühlen der Einsamkeit verbunden ist - im hohen Alter einen Risikofaktor für depressive Störungen darstellt“, sagt Professor Andreas Kruse, Leiter des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Einsamkeit im Alter drohe vor allem kinderlosen und geschiedenen Menschen.
Einen Trend zur Vereinsamung in der Gesellschaft hat auch Kölns Feuerwehrchef Stephan Neuhoff ausgemacht. Ein Hinweis darauf sei die wachsende Zahl von Einsätzen mit dem Stichwort „Person hinter Tür“, im Feuerwehr-Jargon „P-Tür“ genannt. Zwischen vier- und fünfmal pro Tag rücken die Retter in Köln aus, weil besorgte Anrufer über Notruf melden, dass sie ihren Nachbarn längere Zeit nicht gesehen haben.
Christofer Bergstein arbeitet seit Jahren in der Feuerwache 5, zuständig für Nippes und Weidenpesch. Oft handele es sich um blinden Alarm, wenn eine Wohnungstür gewaltsam geöffnet werden müsse, sagt er. „Aber häufig treffen wir auch auf ältere, allein stehende Menschen, die gestürzt sind oder hilflos im Bett liegen und nicht alleine auf sich aufmerksam machen können.“ Die meisten verharrten wenige Stunden in der hilflosen Position, andere mehrere Tage, manche sind bereits tot, wenn die Feuerwehr ihre Tür aufbricht. In 201 Fällen organisierte die Stadt Köln im Vorjahr die Bestattung, weil sich keine Angehörigen ermitteln ließen.
„Die Einsätze »P-Tür« sind ein Großstadtphänomen“, sagt Feuerwehrsprecher Daniel Leupold. „In ländlichen Gegenden ist das fast kein Thema, womöglich, weil dort die nachbarschaftliche oder familiäre Hilfe besser funktioniert.“ Andreas Kruse sieht hier auch die Politik in der Verantwortung. „Es sollte auf die Mitverantwortung der älteren Menschen hingewirkt werden, denn dieses Engagement vermittelt in besonderem Maße das Gefühl der Teilhabe, das Gefühl, dazuzugehören“, sagt Kruse, der zugleich Vorsitzender der sechsten Altenberichtskommission der Bundesregierung ist. Darüber hinaus sei es wichtig, Einsamkeitsphänomene auch im Gespräch mit Ärzten zu thematisieren.
Vor einigen Jahren war das Leben von Hermann Schmitz noch ein Chaos. Seine Wohnung hatte er verkommen lassen, immer öfter war er betrunken, der Vermieter drohte mit der Kündigung. Wenn er alleine war, griff er zur Flasche. Der Alkohol machte die Einsamkeit erträglich. In seinem Leben fehlte es an Menschen, die als Kontrollinstanz und Korrektiv hätten eingreifen können. Eine gerichtliche Betreuerin brachte schließlich wieder Ordnung in den Alltag des Kölners. Jetzt wird er dreimal pro Woche abgeholt und in einer Tagespflege betreut. „Da sind vier Männer und acht Frauen, da muss man sich schon durchsetzen. Aber ich komme unter Leute“, erzählt er und steckt sich eine Camel in den Mund.
Inzwischen, sagt Schmitz, komme er mit einer Flasche Korn pro Woche aus.
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Der alte Mann
Jeden Tag um die gleiche Zeit,
geh ich dieselbe Strecke,
der Arbeitsweg ist nicht weit,
mein Büro liegt gleich um die Ecke.
Im Haus dort nebenan,
wohnt er schon immer,
am Fenster sitzt der alte Mann,
und schaut aus seinem Zimmer.
Wenn er mich sieht,
der freundliche alte Mann,
grüßt er ganz lieb,
und lächelt dann.
Seit Jahren geht das so,
und dass ist ganz banal,
er ist froh,
und freut sich jedes Mal.
Vor dem Haus, da stand er nie.
Er schaute nur aus seinem Zimmer
ruft nicht mal. „Hallo sie!“
er lächelte nur immer.
Weihnachten, da lad ich ihn ein,
zu mir,
auf ein Gläschen Wein,
dann feiern wir.
Doch heute, ich glaube es nicht,
da stand ein Wagen.
an seinem Fenster kein Licht,
was soll ich sagen.
Mein Herzschlag setzte aus,
vor Angst und Betroffenheit,
kein Gruß kam mehr aus dem Haus
und das zur Weihnachtzeit.
vom
Friedrich
Die gute alte Frau
Sie träumt fast nächtelang
und ist oft sehr krank.
Sie ist jetzt ganz allein,
starrt die Wände an, sie ist im Heim.
Die gute alte Frau,
ihre Haare sind fast schon grau,
5 Kinder hat sie geboren,
ihren Mann sehr früh verloren.
Sie hatte kein schönes Los,
ihre Kinder sind jetzt groß.
Trotzdem ist sie ganz allein,
start die Wände an, sie ist im Heim.
Die gute alte Frau,
ihre Haare sind fast schon grau,
Besuch bekommt sie kaum,
sie sitzt nur in ihrem Raum.
Von der kleinen Rente bleibt fast nichts,
im Zimmer brennt das Licht.
Sie ist ganz allein,
start die Wände an, sie ist im Heim.
Einmal im Jahr, da wird es wahr,
dann kommen die Kinder her,
die gute alte Frau, sie freut sich sehr,
sie ist dann nicht allein,
Kinder muß das sein?
vom
Friedrich
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